Was unsere Wirtschaft in schwierigen Zeiten braucht

Jedes Jahr verschwinden im Märkischen Kreis rund 1.000 Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie – eine alarmierende Entwicklung für viele Unternehmen. Doch was kann die Lokalpolitik tun, um gegenzusteuern? Genau darüber habe ich mich mit Özgür Gökce (Märkischer Arbeitgeberverband) und Fabian Ferber (IG Metall) unterhalten.

Im Märkischen Kreis gehen aktuell pro Jahr 1000 Arbeitsplätze im metallverarbeitenden Gewerbe sowie in der Elektroindustrie verloren. Besonders hart trifft es nach Auskunft des Märkischen Arbeitgeberverbandes jene mittelständischen Unternehmen, die keine eigene Entwicklungsabteilung haben und noch immer Bauteile für Autos mit Verbrennermotoren herstellen.

In einem Gespräch mit Özgür Gökce, Geschäftsführer des Märkischen Arbeitgeberverbandes, und Fabian Ferber, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Märkischer Kreis, habe ich gefragt, was Kommunen und die Lokalpolitik tun können, um den Unternehmen zu helfen. Die Antworten der beiden Experten fielen anders aus, als ich erwartet hatte.

Fachkräfte wollen Lebensqualität und einen attraktiven Wohnort

„Die Städte des Märkischen Kreises müssen Lebensqualität bieten, wenn wir Fachkräfte aus anderen Regionen zu uns locken wollen. Dazu gehören bezahlbarer Wohnraum, gut ausgestattete Schulen und Kitas sowie ein vielfältiges Kultur- und Vereinsleben“, sagt Özgür Gökce. Diese Voraussetzungen zu schaffen, sei Aufgabe und Kernkompetenz der Kommunen und nach seiner Ansicht die aktuell wichtigste Form der Wirtschaftsförderung.

Ohne gute (Weiter-)Bildungschancen, keine Zukunft

Die Veränderungen in der Stahlbranche und der Automobilindustrie zwingen viele Unternehmen, sich umzuorientieren. Ohne neues Fachwissen und die entsprechend ausgebildeten Mitarbeitenden aber sind solche Transformationen schwierig.

Özgür Gökce und Fabian Ferber fordern die Kommunalpolitik deshalb auf, stärker und deutlich lauter für Investitionen in den lokalen Bildungssektor zu kämpfen. Der Fachhochschul-Standort Lüdenscheid muss dringend erhalten und sein Ausbildungsprofil geschärft werden. Optimal wäre es, wenn die Fachhochschule mit neu anzusiedelnden Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten könnte, um beispielsweise in Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen marktfähige Ideen für die Wasserstoffherstellung und -nutzung zu entwickeln.

Die Städte des Märkischen Kreises müssen Lebensqualität bieten, wenn wir Fachkräfte aus anderen Regionen zu uns locken wollen. Dazu gehören bezahlbarer Wohnraum, gut ausgestattete Schulen und Kitas sowie ein vielfältiges Kultur- und Vereinsleben

Özgür Gökce

Als Innovationshilfe hätten sich zudem die sogenannte Technologie-Scouts erwiesen. Dabei handelt es sich um Expert*innen-Teams, die Unternehmen ohne eigene Entwicklungsabteilung dabei unterstützen, neue Produkt- und Geschäftsideen zu entwickeln. Allerdings hängt die Existenz dieser Teams von Fördergeldern ab. Die Kommunen des Märkischen Kreises müssten deshalb lauer eine langfristige Finanzierung dieser Teams einfordern, so Fabian Ferber.

Außerdem braucht es neue Angebote für berufliche Weiterbildung jener Menschen, deren Arbeitsplätze im Zuge der Transformation verschwinden werden. Die Umwelt- und Kreislaufwirtschaft biete hier neue Perspektiven. Fakt sei allerdings auch, dass die Unternehmen im Märkischen Kreis nur zögerlich jene organisatorische und finanzielle Unterstützung nutzen würden, die Landes- und Bundesregierung für Weiterbildungsmaßnahmen anbieten.

Wer morgens zur Berufsschule muss, braucht einen Bus, der fährt

Hinterfragt werden sollte auch, ob die Ausbildungsschwerpunkte der Berufskollegs und -schulen im Märkischen Kreis noch den Anforderungen entsprechen und zukunftsträchtig sind. Eine weitere Stellschraube für die Kommunen sei der Öffentliche Nahverkehr: „Wenn es keinen Bus oder Zug gibt, mit dem Auszubildende die Berufsschule pünktlich zur ersten Stunde erreichen können, wird es schwierig, jene qualifizierten Fachkräfte auszubilden, die unsere Unternehmen brauchen“, sagt Fabian Ferber.

Es gibt also sehr viel zu tun für Stadtverwaltungen und Kommunalpolitik. Und noch eine Aussage des Märkischen Arbeitgeberverbandes fand ich bemerkenswert, weil in der Halveraner Lokalpolitik der Tenor stets ein anderer ist. Auf die Frage, ob neue Gewerbegebiete heutzutage noch eine passende Form der Wirtschaftsförderung seien, sagte er: „Ökologie und Wirtschaft müssen im Einklang miteinander stehen.“ Gewerbeflächen stünden ausreichend zur Verfügung.

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